Einleitung
Darstellung
Wiener Moderne
Schriftstellerinnen
Boheme/Expressionismus/Dada
Klassiker der Moderne
Literaturhinweise
 
Home
Login/Logout
Kontakt
Neuigkeiten
Impressum
Sitemap
Newsletter
Forum
 
  SUCHE   
Dokumente
Annotierte Bibliographie
 
 
   

Hermann Bahr

Vorbemerkungen

Der „Mann von Übermorgen“ reagierte auf Freud mit einiger Verspätung: Die 1895 erschienenen Studien über Hysterie von Joseph Breuer und Sigmund Freud wurden von Hermann Bahr (19. Juli 1863 – 15. Januar 1934) erst in seinem zuerst 1903 in der Neuen Rundschau veröffentlichten Dialog vom Tragischen in die literarische Diskussion der Jung-Wiener Dichter eingebracht. Nachweisen läßt sich die Rezeption der Freudschen Hysterie-Studien bei diesem bedeutendsten Programmatiker der Wiener Moderne anhand seiner Tagebücher ab 1902. Doch erscheint eine noch frühere Kenntnis als wahrscheinlich: So dürfte er etwa die von seinem Freund Max Burckhard verfaßte ausführliche Rezension der Traumdeutung (1900), erschienen am 6. Januar 1900 in der Wiener Wochenschrift Die Zeit, gekannt haben; Bahr war bis 1899 Leiter des Kulturteils dieser Zeitschrift.

1888 lernte Bahr in Paris die neuen Stilrichtungen Décadence und Symbolismus kennen. Sein neues Kunst- und Dichtungsverständnis führte er in einer Reihe von Essays programmatisch aus, z.B. in Die neue Psychologie (1890) und in Die Überwindung des Naturalismus (1891). Unter Schlagworten wie „Seele“ und „Nerven“ entwarf er ein Drei-Phasen-Modell der Moderne: vom Naturalismus über die „neue Psychologie“ zur „Nervosität“. Bereits zu dieser Zeit rezipierte er die einschlägige psychiatrische Literatur, las z.B. die Schriften Gustav Theodor Fechners, Hermann von Helmholtz’, Wilhelm Wundts, Ernst Machs, Théodule Ribots und Friedrich Jodls.

Nach seiner Rückkehr nach Wien 1891 nahm Bahr Kontakt zu einer Gruppe junger Autoren auf, die sich vor allem im Café Griensteidl traf, darunter Hugo von Hofmannsthal, Arthur Schnitzler, Felix Salten, Richard Beer-Hofmann und Leopold von Andrian. Gerade in den Texten des jungen Hofmannsthal sah Bahr seine nachnaturalistische Ästhetik realisiert. In kurzer Zeit wurde Bahr der theoretische Kopf und Programmatiker der bald als „Jung Wien“ bekannten Gruppe und vermittelte ihnen die neuen, vor allem aus Frankreich kommenden Literaturrichtungen.

Ab ca. 1902/1903 begann Bahr, sich intensiver mit der Psychoanalyse zu beschäftigen, doch beschränkte sich diese Freud-Rezeption offenbar auf die Studien über Hysterie. Bahr befand sich zu dieser Zeit in einer Krise: Nach einer Operation 1903 hatten ihm die Ärzte nur noch eine kurze Lebensfrist prognostiziert, und über die Beschäftigung mit 62 Hermann Bahr Freud, Ernst Mach, Goethe, Nietzsche sowie der Antike (Reise nach Athen 1903) versuchte Bahr offenbar auch eine Art Selbstfindung.

Die Hysterie-Studien Freuds und Breuers haben denn auch verschiedene Arbeiten Bahrs aus dieser Zeit beeinflußt: Ab 1901/1902 arbeitete er in seinen Tage- und Skizzenbüchern unter dem Titel Credo (später Dialog vom Laster) an einer theoretischen Auseinandersetzung mit den Themen Katharsis, Ekstase und Affekt. Die bis 1914 fortgesetzten umfangreichen Studien und Entwürfe blieben unpubliziert, gingen jedoch partiell in den Dialog vom Tragischen (1903) ein. In diesem kunsttheoretischen Essay in Form eines Dialogs setzt Bahr die griechische Tragödie in ihrer Funktion mit der kathartischen Kur Freuds und Breuers gleich: Beides sind für Bahr kulturelle Techniken, um die im Prozeß der Zivilisation unterdrückten, verdrängten Triebregungen durch Worte statt durch Taten „abzureagieren“. Parallel dazu geht freudianisches Gedankengut in seine Theaterrezensionen ein, so 1903 in seine Besprechung der Aufführung von Ibsens Die Frau vom Meere am Wiener Burgtheater, in der er auf das „wunderbare Buch unserer beiden Gelehrten, ‚Studien über Hysterie‘“ verweist. Psychoanalytische Einflüsse zeigen auch Bahrs Theaterstücke aus dieser Zeit, das 1904 fertiggestellte und ein Jahr später erschienene Stück Sanna sowie das 1905 uraufgeführte Stück Die Andere. Für beide Werke sind unterdrückte bzw. verdrängte Triebregungen, hysterische Erkrankungen sowie Persönlichkeitsspaltungen konstitutiv.

Der persönliche Kontakt Bahrs zum Freud-Kreis scheint sich auf Wilhelm Stekel beschränkt zu haben; mit anderen Assistenten Freuds stand Bahr in brieflichem Kontakt (der Briefwechsel u.a. mit Otto Rank ist bisher noch nicht veröffentlicht). Bahrs Freud-Rezeption scheint allerdings nur von kurzer Dauer gewesen zu sein: Noch 1907 rühmt er Freud in seinem Tagebuch als den „größte[n] Revolutionär: denn er lehrt, daß wir alle an der Unfreiheit krank (erkrankt) sind“; danach ist keine Beschäftigung mit Freud und der Psychoanalyse mehr belegt, auch wenn Bahr seine Freud-Kenntnisse weiterhin in seine Theaterkritiken einfließen läßt, so 1910 in seine Kritik der Londoner Dramatisierung von Stevensons Novelle Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Auch läßt eine Stelle in seiner Autobiographie darauf schließen, daß er noch in den frühen 1920er Jahren zumindest gelegentlich in Kontakt zu Schülern Freuds stand (vgl. Bahr 1923, S. 44). Spätere Aussagen Bahrs über Freud – in seiner Autobiographie und in noch zu seinen Lebzeiten veröffentlichten Tagebuch-Aufzeichnungen – sind zurückhaltend bis kritisch.

Zeitweilig interessierten sich auch Vertreter des Freud-Kreises für den umtriebigen Organisator und Vermittler. So bat ihn Otto Rank, der damals als 21jähriger neu zur „Psychologischen Mittwoch-Gesellschaft“ gestoßen war, am 22. Januar 1906 um Hilfe bei der Publikation eines Manuskripts (vermutlich Der Künstler, Ansätze zu einer Sexual Psychologie, vgl. Worbs 1988, S. 142). Freud selbst kannte zumindest Bahrs Stück Die Andere. In seinem Aufsatz Psychopathische Personen auf der Bühne (entstanden 1905/1906) lehnte der Analytiker es ab als Beispiel für ein Kunstwerk, in dem der Zuschauer mit zu offenkundig neurotischen Figuren konfrontiert wird, als daß er das Schauspiel noch genießen könnte.

Oliver Pfohlmann (Vorarbeiten von Ulla Biernat)

DRUCKVERSION



Psychoanalyse in der literarischen Moderne - Eine Dokumentation | e-mail: redaktion@psychoanalyse-literatur.de