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Künstler und Psychoanalyse

Seit Freuds „Psychoanalyse“ über den engsten Kreis der Nervenärzte hin-aus Teilnahme erregt hat, seit Freuds Schüler Jung seine Psychologie des Unbewußten und seine Typenlehre ausgebaut und zum Teil veröffentlicht hat, seit vollends die analytische Psychologie sich unmittelbar auch dem Volksmythos, der Sage und der Dichtung zuwandte, besteht zwischen Kunst und Psychoanalyse eine nahe und fruchtbare Berührung. Ob man nun im Einzelnen und Engeren mit der Lehre Freuds einverstanden war oder nicht, seine unbestreitbaren Funde waren da und wirkten.

Es war zu erwarten, daß besonders die Künstler sich rasch mit dieser neu-en, so vielfach fruchtbaren Betrachtungsweise befreunden würden. Sehr viele mochten schon als Neurotiker sich für die Psychoanalyse interessie-ren. Aber darüber hinaus war beim Künstler mehr Neigung und Bereit-schaft vorhanden, sich auf eine völlig neu fundamentierte Psychologie ein-zulassen, als bei der offiziellen Wissenschaft. Für das genial Radikale ist der Künstler stets leichter zu gewinnen als der Professor. Und so ist heute unter der jungen Künstlergeneration die Freudsche Gedankenwelt mehr diskutiert und weiter aufgenommen, als unter den Medizinern und Psycho-logen vom Fach.

Für den einzelnen Künstler nun, soweit er nicht damit zufrieden war, die Sache als ein neues Diskussionsthema im Kaffeehaus hinzunehmen, ent-stand rasch die Bemühung, aus der neuen Psychologie auch als Künstler zu lernen - vielmehr es entstand die Frage, ob und wieweit die neuen psycho-logischen Einsichten dem Schaffen selbst zu Gute kommen möchten.

Ich erinnere mich, daß mir vor etwa zwei Jahren ein Bekannter die beiden Romane von Leonhard Frank empfahl, indem er sie nicht nur wertvolle Dichtungen, sondern zugleich auch „eine Art von Einführung in die Psy-choanalyse“ nannte. Seither las ich manche Dichtungen, in denen die Spu-ren der Beschäftigung mit der Freudschen Lehre deutlich sichtbar wurden. Mir selbst, der für die neuere wissenschaftliche Psychologie nie das ge-ringste Interesse gehabt hatte, schien in einigen Schriften von Freud, Jung, Stekel und anderen ein Neues und Wichtiges gesagt, daß ich sie mit leben-digster Teilnahme las, und ich fand, alles in allem, in ihrer Auffassung des seelischen Geschehens fast alle meine aus Dichtern und eigenen Beobach-tungen gewonnenen Ahnungen bestätigt. Ich sah ausgesprochen und for-muliert, was mir als Ahnung und flüchtiger Einfall, als unbewußtes Wissen zum Teil schon angehörte.

In der Anwendung auf Dichterwerke sowohl wie für die Beobachtung des täglichen Lebens ergab sich die Fruchtbarkeit der neuen Lehre ohne weite-res. Man hatte einen Schlüssel mehr - keinen absoluten Zauberschlüssel, aber doch eine wertvolle neue Einstellung, ein neues vortreffliches Werk-zeug, dessen Brauchbarkeit und Zuverlässigkeit sich rasch bewährten. Ich denke dabei nicht an die literarhistorischen Einzelbemühungen, die aus dem Dichterleben eine möglichst detaillierte Krankengeschichte machen. Allein schon die Bestätigungen und Korrekturen, welche Nietzsches psy-chologische Erkenntnisse und feinnervigen Ahnungen erfuhren, waren uns überaus wertvoll. Die beginnende Kenntnis und Beobachtung des Unbe-wußten, die psychischen Mechanismen als Verdrängung, Sublimierung, Regression usw. gedeutet, ergaben eine Klarheit des Schemas, die ohne weiteres einleuchtet.

Wenn es nun aber gewissermaßen jedem naheliegt und leicht gemacht wur-de, Psychologie zu treiben, so blieb die Verwendbarkeit dieser Psychologie für den Künstler doch recht zweifelhaft. Sowenig historisches Wissen zu Geschichtsdichtungen, Botanik oder Geologie zur Landschaftsschilderung fähig machen, sowenig konnte die beste wissenschaftliche Psychologie der Menschendarstellung helfen. Man sah ja, wie die Psychoanalytiker selbst überall die Dichtung der frühern, voranalytischen Zeit als Belege, als Quel-len und Bestätigungen benutzten. Es war also das, was die Analyse erkannt und wissenschaftlich formuliert hatte, von den Dichtern stets gewußt wor-den, ja der Dichter erwies sich als Vertreter einer besonderen Art des Den-kens, die eigentlich der analytisch-psychologischen durchaus zuwiderlief. Er war der Träumer, der Analytiker war der Deuter seiner Träume. Konnte also dem Dichter, bei aller Teilnahme an der neuen Seelenkunde etwas an-deres übrig bleiben als weiter zu träumen und den Rufen seines Unbewuß-ten zu folgen?

Nein es blieb ihm nichts anderes. Wer vorher kein Dichter war, wer vorher nicht den inneren Bau und Herzschlag des seelischen Lebens erfühlt hatte, den machte alle Analyse nicht zum Seelendeuter. Er konnte nur ein neues Schema anwenden, konnte damit vielleicht für den Augenblick verblüffen, seine Kräfte aber nicht wesentlich steigern. Das dichterische Erfassen see-lilscher Vorgänge blieb nach wie vor eine Sache des intuitiven, nicht des analytischen Talents.

Indessen ist die Frage damit nicht erledigt. Tatsächlich vermag der Weg der Psychoanalyse auch den Künstler bedeutend zu fördern. So falsch er daran tut, die Technik der Analyse in die künstlerische hinüberzunehmen, so recht tut er doch daran, die Psychoanalyse ernst zu nehmen und zu ver-folgen. Ich sehe drei Bestätigungen und Bestärkungen, die dem Künstler aus der Analyse erwachsen.

Zuerst die tiefe Bestätigung vom Wert der Phantasie, der Fiktion. Be-trachtet der Künstler sich selbst analytisch, so bleibt ihm nicht verborgen, daß zu den Schwächen, an denen er leidet, ein Mißtrauen gegen seinen Be-ruf gehört, ein Zweifel an der Phantasie, eine fremde Stimme in sich, die der bürgerlichen Auffassung und Erziehung recht geben und sein ganzes Tun „nur“ als hübsche Fiktion gelten lassen will. Gerade die Analyse aber lehrt jeden Künstler eindringlich, wie das, was er zu Zeiten „nur“ als Fikti-on zu schätzen vermochte, gerade ein höchster Wert ist, und erinnert ihn laut an das Dasein seelischer Grundforderungen sowohl wie an die Relati-vität aller autoritären Maßstäbe und Bewertungen. Die Analyse bestätigt den Künstler vor sich selbst. Zugleich gibt sie ihm ein Gebiet der rein in-tellektuellen Betätigung in der analytischen Psychologie frei.

Diesen Nutzen der Methode mag wohl auch schon der erfahren, der sie nur von außen her kennenlernt. Die beiden andern Werte aber ergeben sich nur dem, der die Seelenanalyse gründlich und ernsthaft an der eigenen Haut erprobt, dem die Analyse nicht eine intellektuelle Angelegenheit, sondern ein Erlebnis wird. Wer sich damit begnügt, über seinen „Komplex“ einige Aufklärungen zu erhalten und nun über sein Innenleben einige formulier-bare Auskünfte zu haben, dem entgehen die wichtigsten Werte.

Wer den Weg der Analyse, das Suchen seelischer Urgründe aus Erinne-rungen, Träumen und Assoziationen, ernsthaft eine Strecke weit gegangen ist, dem bleibt als bleibender Gewinn, das was man etwa das „innigere Verhältnis zum eigenen Unbewußten“ nennen kann. Er erlebt ein wärme-res, fruchtbareres leidenschaftlicheres Hin und Her zwischen Bewußtem und Unbewußtem; er nimmt von dem, was sonst „unterschwellig“ bleibt und sich nur in unbeachteten Träumen abspielt, vieles mit ans Licht her-über.

Und das wieder hängt innig zusammen mit den Ergebnissen der Psycho-analyse für das Ethische, für das persönliche Gewissen. Die Analyse stellt, vor allem andern, eine große Grundforderung, deren Umgehung und Ver-nachlässigung sich alsbald rächt, deren Stachel sehr tief geht und dauernde Spuren lassen muß. Sie fordert eine Wahrhaftigkeit gegen sich selbst, an die wir nicht gewohnt sind.

Sie lehrt uns, das zu sehen, das anzuerkennen, das zu untersuchen und ernst zu nehmen, was wir gerade am erfolgreichsten in uns verdrängt hat-ten, was Generationen unter dauerndem Zwang verdrängt hatten. Das ist schon bei den ersten Schritten, die man in der Analyse tut, ein mächtiges, ja ungeheures Erlebnis, eine Erschütterung an den Wurzeln. Wer standhält und weitergeht, der sieht sich nun von Schritt zu Schritt mehr vereinsamt, mehr von Konvention und hergebrachter Anschauung abgeschnitten, er sieht sich zu Fragen und Zweifel genötigt, die vor nichts haltmachen. Da-für aber sieht oder ahnt er mehr und mehr hinter den zusammenfallenden Kulissen des Herkommens das unerbittliche Bild der Wahrheit aufsteigen, der Natur. Denn nur in der intensiven Selbstprüfung der Analyse wird ein Stück Entwicklungsgeschichte wirklich erlebt und mit dem blutenden Ge-fühl durchdrungen. Über Vater und Mutter, über Bauer und Nomade, über Affe und Fisch zurück wird Herkunft, Gebundenheit und Hoffnung des Menschen nirgends so ernst, so erschütternd erlebt wie in einer ernsthaften Psychoanalyse. Gelerntes wird zu Sichtbarkeit, Gewußtes zu Herzschlag, und wie die Ängste, Verlegenheiten und Verdrängungen sich lichten, so steigt die Bedeutung des Lebens und der Persönlichkeit reiner und for-dernder empor.

Diese erziehende, fördernde, spornende Kraft der Analyse nun mag nie-mand fördernder empfinden als der Künsler. Denn ihm ist es ja nicht um die möglichst bequeme Anpassung an die Welt und ihre Sitten zu tun, son-dern um das Einmalige, was er selbst bedeutet.

Unter den Dichtern der Vergangenheit standen einige dem Wissen um die wesentlichen Sätze der analytischen Seelenkunde sehr nahe, am nächsten Dostojeweskij, welcher nicht nur intuitiv diese Wege lang vor Freud und seinen Schülern ging, sondern der auch eine gewisse Praxis und Technik dieser Art von Psychologie schon besaß. Unter den großen deutschen Dichtern ist es Jean Paul,  dessen Auffassung von seelischen Vorgängen am nächsten bei dieser heutigen steht. Daneben ist Jean Paul das glän-zendste Beispiel des Künstlers, dem aus tiefer, lebendiger Ahnung der ständige vertrauliche Kontakt mit dem eigenen Unbewußten zur ewig er-giebigen Quelle wird.

Zum Schlusse zitiere ich einen Dichter, den wir zwar zu den reinen Idealis-ten, nicht aber zu den Träumern und in sich selbst versponnenen Naturen, sondern im ganzen mehr zu den stark intellektuellen Künstlern zu rechnen gewohnt sind. Otto Rank hat zuerst die folgende Briefstelle als eine der er-staunlichsten vormodernen Bestätigungen für die Psychologie des Unbe-wußten entdeckt. Schiller schreibt an Körner, der sich über Störungen in seiner Produktivität beklagt: „Der Grund Deiner Klagen liegt, wie mir scheint, in dem Zwange, den Dein Verstand Deiner Imagination auferlegt. Es scheint nicht gut und dem Schöpfungswerke der Seele nachteilig zu sein, wenn der Verstand die zuströmende Ideen, gleichsam an den Toren schon, zu scharf mustert. Eine Idee kann, isoliert betrachtet, sehr unbe-trächtlich und sehr abenteuerlich sein, aber vielleicht wird sie durch eine, die nach ihr kommt, wichtig, vielleicht kann sie in einer gewissen Verbin-dung mit andern, die vielleicht ebenso abgeschmackt scheinen, ein sehr zweckmäßiges Glied abgeben: alles das kann der Verstand nicht beurtei-len, wenn er sie nicht so lange festhält, bis er sie in Verbindung mit diesen anderen angeschaut hat. Bei einem schöpferischen Kopfe hingegen, deucht mir, hat der Verstand seine Wache von den Toren zurückgezogen, die I-deen stürzen pêle-mêle herein, und alsdann erst übersieht und mustert er den großen Haufen.“

Hier ist das ideale Verhältnis der intellektuellen Kritik zum Unbewußten klassisch ausgedrückt. Weder Verdrängung des aus dem Unbewußten, aus dem unkontrollierten Einfall, dem Traum, der spielenden Psychologie zu-strömenden Gutes, noch dauernde Hingabe an die ungestaltete Unendlich-keit des Unbewußten, sondern liebevolles Lauschen auf die verborgenen Quellen, und dann erst Kritik und Auswahl aus dem Chaos - so haben alle großen Künstler gearbeitet. Wenn irgend eine Technik diese Forderung er-füllen helfen kann, so ist es die psychoanalytische.

Druckvorlage: Hermann Hesse: Betrachtungen und Briefe. Frankfurt a. M. 1957, S. 137-143. Erstdruck: Frankfurter Zeitung,16.7.1918.

 

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