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* Veränderung des Weltbildes

Aber wissen wir, ob die bürgerliche Gesellschaft nicht auch reif zum Umbau ist, nachdem Marx, Freud und Einstein das Weltbild der weißen Menschheit so entscheidend verändert haben?

 

Druckvorlage: Arnold Zweig: Berliner Ausgabe. Band III/5: Essays. Hg. von der Hum-boldt-Universität zu Berlin und der Akademie der Künste, Berlin. Berlin: Aufbau 1996, S.231. Erstdruck: Arnold Zweig: Essays. Band 2: Aufsätze zu Krieg und Frieden. Ber-lin: Aufbau 1959-1967.

 

Präludium

Was für ein Mensch war dies gewesen, dieser Sigmund Freud, und was für ein Mann! Wie wenige Mitlebende hatte er eine Epoche verkörpert, die mit ihm zu Grabe ging, die des Aufstiegs und des Höhepunkts der bürgerlichen Gesittung in Mitteleuropa und in deutscher Sprache.

 

Druckvorlage und Erstdruck: Arnold Zweig: Freundschaft mit Freud. Ein Bericht. Ber-liner Ausgabe. Hg. von der Humboldt-Universität zu Berlin und der Akademie der Künste, Berlin. Band III/5: Essays. Berlin: Aufbau 1996, S. 8f. Nach dieser Ausgabe wird in folgenden zitiert: Bandnummer, Seitenzahl.

 

 

Erster Teil, Erstes Kapitel

In den sieben Jahren nach der Rückkunft aus dem Kriege war mir die Ges-talt Sigmund Freuds immer bedeutender und tröstlicher aufgegangen. Der Anblick, den er bot, machte Mut, mehr als der Anschluß an irgendeine Par-tei oder Bewegung. Seine unbeirrbare schweigende Tapferkeit bewies, daß ein Mann allein, der aber seiner Sache gewiß war und sich bei jedem Schritt auf Wirklichkeit stützen und verlassen konnte, daß ein solcher Mann in dreißig Jahren selbst den gehässigsten „Widerstand der stumpfen Welt“ zu überwinden vermochte. Das Rüstzeug zum Verständnis des Anti-semitismus, wie ich ihn damals sah, und aller Gruppenleidenschaften, stammte von ihm. Alles, was in der Welt reaktionär empfand, war wider ihn; der größere Teil der Literatur, besonders der rund um ihn wachsenden und wuchernden, rieb sich an ihm und bewies, daß man ein kluger Literat und gleichzeitig ein Opfer seiner eigenen Irrungen und Komplexe sein konnte.

 

Druckvorlage und Erstdruck: Bd. III/5, S. 13f.

 

 

Erster Teil,Viertes Kapitel

Daß in Wien ein stiller Gelehrter das Seelenleben des modernen Menschen als dünne Haut über einer noch ganz barbarischen Urkraft beschrieben hat-te, mit aller Vorsicht seinen göttlichen Ursprung auch von der Seele her auflösend, wie Darwin ihn von der Abstammungsseite her bestritten hatte, sprach sich damals nur in allerengsten Fach- und Intellektuellen-Kreisen herum. Wie sollte von Wien, der gemütlichen, tanzfreudigen Phäakenstadt, eine Bewegung ausgehen können, geeignet, den Schlaf der Welt aufs uner-hörteste anzutasten und zu stören?

 

Druckvorlage und Erstdruck: Bd. III/5, S.31.

 

Erster Teil, Viertes Kapitel

Der Dritte aber, Sigmund Freud, war dazu bestimmt, seiner Mit- und Nach-welt die Gründe und Urgründe dieser Vorgänge zu erschließen, die Kraft-quellen verständlich zu machen, welche einem solchen Rücksturz zur Ver-fügung standen. Er sollte den Weg zeigen, der zur Handhabung der mäch-tigsten Sprengkraft führt, die unsere Gesellschaftsgebilde zu Fall bringen oder fördern kann: der menschlichen Phantasie.

 

Druckvorlage und Erstdruck: Bd. III/5, S.35.

 

Zweiter Teil, Fünftes Kapitel

„Gedanken über Krieg und Tod“ ... mir hatte die Lektüre dieses Aufsatzes das Atmen gehemmt. Wußte dieser Mann nicht, der das veröffentlichte, welchen Gefahren er sich aussetzte? Der offiziellen Anbetung des Krieges und Kriegsgeistes, vor allem auch der Aufforderung, begeistert sterben zu gehen, die in allen Sprachen Europas an die Jugend gerichtet wurde, schlug dieser Aufsatz ins Gesicht. Für Freud gab es offenbar nur ein einzi-ges wertverleihendes Prinzip: die Höhe der Kultur, ihre Aufrechterhaltung, Bereicherung, Verteidigung.

 

Druckvorlage und Erstdruck: Bd. III/5, S. 39.

 

Zweiter Teil, Fünftes Kapitel

„Gedanken über Krieg und Tod“ behielten einen Nachhall in mir, bis die Oktober-Revolution in Rußland und alles, was danach erfolgte, mein Ich mit neuen Inhalten füllte. Daß dieser Freud ein „genialer Hund“ war, das – in der Soldatensprache – hatte ich schon vorher gewußt. Aber jetzt war es besiegelt – und lag im Grunde meiner Seele wie der Geist in der Flasche unter Salomonis´ Petschaft.

 

Druckvorlage und Erstdruck: Bd. III/5, S. 41.

 

 

Zweiter Teil, Sechstes Kapitel

Von allen Großtaten Freuds schien mir damals die erste und folgenvollste jener Schritt, der von der Hypothese zur freien Assoziation überging, vom seelischen Eingriff zur Beseitigung aller Hemmungen, dem Aufdecken und Strömenlassen der Einfälle. Welch ein Appell an den Willen zur Gesund-heit in jedem Einzelwesen! Welcher Kampf mit der Zensur im Menschen und welches Wissen um die Bedingtheit, Macht und Schädlichkeit dieser Zensur. Es hatte deutsche Dichter  und Schriftsteller gegeben, Jean Paul – glaube ich – und Ludwig Börne, die vor hundert Jahren etwas von der Schöpferkraft des Individuums und seiner entfesselten Zunge geahnt hat-ten. Aber daraus das Leitseil zu schaffen, den Ariadnefaden, der ins Laby-rinth der Seele hinunterführte und wieder empor, aus geduldigster Beo-bachtung und weisester Überlegung den Schlüssel zum Unbewußten und Vorbewußten zu schmieden. – das hieß etwas!

 

Druckvorlage und Erstdruck: Bd. III/5, S. 54.

 

 

Zweiter Teil, Siebtes Kapitel

Als Freud die Psychologie revolutionierte, die sich bisher für die einzige Erkenntnisquelle in Sachen des nervischen und des Seelenlebens präsen-tierte, schuf er sich eben, wie jeder Revolutionär, ein Geschlecht von Fein-den.

 

Druckvorlage und Erstdruck: Bd. III/5, S. 66.

 

 

Zweiter Teil, Zehntes Kapitel

Er hatte dies Neuland Psychoanalyse genannt, ein Wort, das mittlerweile auf der ganzen Erde heimisch geworden. Ihr Wissensgebiet, an Ausdeh-nung Jahr für Jahr gewachsen, umgrenzte oder streifte einen großen Teil dessen, was heutige Menschen von ihrer Seele überhaupt zu erkennen stre-ben. Ja, er Sigmund Freud, der nun auch den Göttern der Erkenntnis einen Teil seiner Mundhöhle geopfert hatte und hier lag, benommen, dumpf, tief angeekelt von der Gebundenheit des Geistes an das hinfällige Fleisch, er war dem Odysseus gleich in die Unterwelt gestiegen. Ein neuer Tereisias, hatte er sich dort unten heimisch gemacht und das Wissen von all dem Verborgenen erworben, um das sich die Menschen so lange schon stritten. Aber die Gabe hatte er mit heraufgebracht, den Leidenden zu helfen, das Verhängnis abzuwenden, gebrochene Seelen wieder aufzurichten, das bis-lang Unheilbare zu heilen. War es falsch, wenn er über der Unantastbarkeit seiner Erkenntnisse und seines Könnens, also seiner Lehre, wachte? War der Preis zu hoch, den er bezahlen mußte dadurch, daß immer wieder Männer von ihr abfielen, auf die er die größten Hoffnungen gesetzt? Er war nicht zu hoch. Auch Enttäuschungen jeder Art gehörten zum Kaufpreis dessen, der Wissen vom lebendigen Leben einhandelte.

 

Druckvorlage und Erstdruck: Bd. III/5, S. 93f.

 

 

Zweiter Teil, Elftes Kapitel

Inzwischen entfaltete sich unser Briefwechsel in jenem Jahre 1930 immer persönlicher. Hier schrieben sich nicht mehr Männer, die einander erst zweimal sahen, ein alter und ein jüngerer; ein Gelehrter, dem amerikani-sche Vorurteilslosigkeit zum Sieg über heimische Borniertheit und zum Weltruhm verholfen hatte, und ein Schriftsteller und Romandichter, der ohne die Errungenschaften des Alten wohl kaum zum vollen Gebrauch seiner Kraft und seines Talents vorgedrungen wäre. Hier tauschten Zeitge-nossen ihre Meinungen aus, beide dazu berufen, sich des geschriebenen Wortes zu bedienen und von den Krämpfen geschüttelt zu werden, denen Epochen nach jedem großen Kriege unterliegen.

 

Druckvorlage und Erstdruck: Bd. III/5, S. 103f.

 

Zweiter Teil, Elftes Kapitel

Die Verdrängung, die den Kulturkritiker Karl Marx für den ihn übersehen-den Sigmund Freud aus der Reihe der drei großen Kränker ausgeschaltet hatte, bezog ihre Kraft auch noch aus einem anderen Satze der marxisti-schen Erkenntnisse – jenem grundlegenden nämlich: Das gesellschaftliche Sein des Menschen bestimme auch sein Bewußtsein. Der Komplex Be-wußtsein umfaßte auch die von Freud festgestellten Abstufungen Wach-bewußtsein, Vorbewußtsein und das Unbewußte, in welches Abkömmlinge der beiden erstgenannten versenkt werden, ohne an Kraft dadurch zu ver-lieren. (Nur das Es schaltete sich hier wie bei vielen anderen Seelenwir-kungen aus.) Das gesellschaftliche Sein nämlich schon der Urhorde und der werkzeugmachenden Steinzeit formte die wirkenden Voraussetzungen unseres geistigen Lebens – und nun gar erst die Jahrtausende währende Sklavengesellschaft, die alle Handarbeit als entwürdigend stempelte. Noch im Feudalwesen ward dem Manne nur die Waffe zugebilligt, Schwert und Speer, nicht einmal die Armbrust. Also verfiel auf unserem Kontinent der Herabwürdigung auch durch das Bürgertum Fabrikarbeit und Proletariat, Maschinenbedienung und Gewerkschaftsbewegung bis zum Wirken von Marx und seinen Vorläufern, den utopischen Sozialisten. In der Stadt Wien entging dem Begründer der Psychoanalyse, dem Revolutionär der Er-kenntnisse über den Menschen, die innere Verpflichtung, sich mit den an-deren revolutionierenden Gesellschaftskräften zu verbinden. Nur Alfred Adler und seine Schule erkannte diesen unabweislichen Zusammenhang, den die Freud-Schüler und ihre Veröffentlichungen einfach ausließen, als blickten sie mit einem blinden Fleck in unsere Gegenwart.

 

Druckvorlage und Erstdruck: Bd. III/5, S. 108f.

 

Zweiter Teil, Zwölftes Kapitel

Und Sigmund Freud wagt es, die Erkenntnis, die er in sich aufgenommen hat, zu sagen. Mit Dreißig, mit Fünfzig, mit Siebzig – einerlei. Er hat in-zwischen gemerkt, daß er einen Stier bei den Hörnern gepackt hat, den Stier der Sexualverdrängung und – Verwahrlosung, und daß man ein Hera-kles sein muß, um diesen Stier in die Knie zu zwingen – aber er läßt nicht los.

 

Druckvorlage und Erstdruck: Bd. III/5, S. 114f.

 

Dritter Teil, Dreizehntes Kapitel

In dem darauffolgenden Jahrzehnt hatte sich Freuds Blick von den Staaten wieder ganz abgewendet, von ihren Massen und Parteien, und sich von ei-ner affektiven Bindung an Rom lenken lassen. Rom war einerseits die Feindin der Psychoanalyse, nämlich die Kirche, deren Katholizismus sich mit der Beichte begnügte und die Untergründe der seelischen Triebe dem Teufel überließ.

 

Druckvorlage und Erstdruck: Bd. III/5, S. 119.

 

 

Dritter Teil, Vierzehntes Kapitel

Es gibt kein Gebiet menschlicher Tätigkeit, einschließlich der Religionen und Künste, das von der Psychoanalyse nicht durchleuchtet und befruchtet würde; Mythenforschung und Ethnographie haben von ihr ebensoviel För-derung erfahren wie Pädagogik und Sozialhygiene. Und dabei vergesse man nie, daß als Ergänzung, als Beweis, ja, als eigentliches Leistungsge-biet dieser Wissenschaft, die Heilung von Krankheitsfällen und ihre Ver-hütung unterstrichen werden muß. Freuds Schriften, so bedeutend sie als Wissenschaft und als Schrifttum sind, stellen nur die notwendige Mittei-lungsform dessen dar, was jederzeit, in jeder Sprechstunde jedes Analyti-kers am lebenden Material bewirkt und gewirkt wird. […] Als man in Ber-lin und anderswo die Bücher Sigmund Freuds mit den unseren verbrannte, tat man uns allen die größte Ehre an, die heute von Barbaren zu vergeben ist. Denn einmal wird man erkennen, daß dieser Jude Sigmund Freud eine jahrhundertwendende Gestalt ist wie Platon. Er hat in die Steindecke unse-rer Verdrängungen die Bresche geschlagen, die nicht mehr geschlossen werden kann. Er hat die menschlichen Triebe neu verstehen und bewerten gelehrt, einem falschen Begriff von Geisteswissenschaft ebenso ein Ende machend wie dem verdrehten Aristokratismus Nietzsches. Er bringt ein neues Lebensgefühl herauf, indem er dabei die Verantwortung des Men-schen und seine Bildbarkeit erhöht. Er wird seine Spur in der Politik hin-terlassen, wenn man die Gruppenaffekte wird handhaben lernen, wie er und seine Schüler die Naturwissenschaft um das ganze Gebiet des Seeli-schen bereichert haben.

 

Druckvorlage und Erstdruck: Bd. III/5, S. 130f.

 

Dritter Teil, Fünfzehntes Kapitel

Zu diesem Keim einer Bibliothek, der sich trotz aller Vorsätze bald zu ei-ner Büchersammlung verwandelte, kam alsbald ein Geschenk: die elf Bän-de der Gesammelten Schriften von Sigmund Freud, im Internationalen Psychoanalytischen Verlag, Leipzig, Wien, Zürich erschienen. Fast mit Er-schütterung packten wir diese herrlichen Halblederbände aus, zu denen sich später noch der zwölfte Band gesellte. Welch ein Geschenk! Hätten wir damals geahnt, daß alle Werke dieses Verlages dem Kulturhaß der braunen Pest zum Opfer fallen würden, wir hätten sie gestreichelt und ge-küßt als Gerettete vor der Barbarei, die ja schon 1933 mit ihren Bücher-verbrennungen bewiesen hatte, welches Mordgeistes Kind sie war und bleiben sollte.

 

Druckvorlage und Erstdruck: Bd. III/5, S. 139f.

 

 

Dritter Teil, Siebzehntes Kapitel

Der überlebensgroße Naturforscherdrang Sigmund Freuds betrachtet die Mythenzeit des jüdischen Volkes, dem er selber angehört, und das Ergeb-nis ist großartig, wie sein Gegenstand und die Persönlichkeit des Betrach-ters. Er baut eine Brücke zwischen den beiden Konzeptionen des Mono-theismus, von denen wir in der Mittelmeerkultur wissen, der ägyptischen des Echnathon und der jüdischen des Moses.

 

Druckvorlage und Erstdruck: Bd. III/5, S. 155f.

 

Dritter Teil, Neunzehntes Kapitel

Von Holland aus sah ich erst deutlich, was der Naziantisemitismus inzwi-schen aus Freuds Psychoanalyse verunstaltet hatte. Daß das Bild ihres Schöpfers schon 1933 aus den Räumen der Berliner Gesellschaft verbannt worden war, wußten wir – es berührte uns nicht sehr. Das Lebenswerk un-seres großen Freundes würde auch dies Verunglimpfung überstehen. Alle jüdischen Mitglieder der Gesellschaft für Psychotherapie hatten sich längst aus den Grenzen des Dritten Reichs entfernt. Die Bücherverbrennung von damals leuchtete noch heute als Fanal. Eine nichtjüdische Psychologie wurde der jüdischen gegenübergestellt, kein Geringerer als C. G. Jung half dabei, und von seiten der herrschenden Kaste war ein Vetter Hermann Gö-rings an ihre Spitze getreten. Das Schwergewicht der Internationalen Ge-sellschaft für Psychoanalyse war durch die großartige Arbeit von Ernest Jones in England errichtet worden, auch die Schweizer hatten sich aufs heftigste dagegen gewehrt, daß man in die Wissenschaft der Tiefenpsycho-logie das Hakenkreuz einzustempeln wagte.

 

Druckvorlage und Erstdruck: Bd. III/5, S. 171.

 

Die Natur des Menschen und Sigmund Freud

Freud hat die Stellung des Menschen in der Welt entscheidend geändert, indem er ihr eine volle Hälfte an Erkenntnisraum hinzufügte, gleich als hätte die weiße Rasse bislang nur die der Sonne zugewendete Seite ihres Planeten bewohnt und von Freud die Entdeckung der unbesonnten emp-fangen […] Niemand hat mehr gesehen als er, und niemand hat geduldiger dem Gesehenen auch zugehört, es nach den Gesetzmäßigkeiten befragt, denen es unterlag, und nach den Aufschlüssen, die es über den Lauf der Welt, das heißt des Menschen, zu geben vermochte. Dadurch wurde er Schritt für Schritt zu einem neuen Deuter fast unserer ganzen kulturellen Sphäre […] Bei Freud und seit Freud gab es plötzlich als wissenschaftli-che, genau beschreibbare Wirklichkeit Angst und Lust, Schrecken und Zweifel, Machtgier und Verzicht – eine neue Psychologie, die vielschich-tig und bestürzend herrlich das Innere eines wirklich lebenden Wesens, des Einzelmenschen, aufdeckte und zur Nachprüfung hinhielt. Seine Fehlleis-tungen, vor Freuds Tagen als Zufälle oder Ungeschicklichkeiten abgetan, enthüllten ihren Sinn: Man versprach sich nicht ohne Grund, vergaß Din-ge, Worte, Personen, weil eine Instanz in uns deren Existenz ablehnte; man verspätete sich, erlitt Unfälle, brachte anderen gefährliche oder harmlose Verletzungen bei, oft mehrere Male, und erfuhr erst in der Psychoanalyse, warum man sich selbst oder diese Menschen zu schädigen wünschte. Jah-relange Angst vor Examina hemmten Studenten, deren Fähigkeiten weit über das Erforderliche hinaus gingen. Schöne junge Frauen entzogen sich Bewerbern und der Ehe, und niemand wußte warum. All diese und noch viel mehr Vorkommnisse des Tages und vor allem der Nacht (Impotenz!) wurden von Freud und seinen Schülern den Leidenden bewußt gemacht.

 

Druckvorlage: Wilhelm von Sternburg: Arnold Zweig. Frankfurt am Main: Hain 1990, S 230f. Erstdruck: Arnold Zweig: Die Natur des Menschen und Sigmund Freud. Zu Freuds 100. Geburtstag. In: Früchtekorb, Jüngste Ernte: Rudolstadt 1956, S. 72ff.

 

Literaturhinweis: Hermann Kähler: Der Dichter und der Psychologe. Eine Freundschaft zwischen zwei Kriegen. In: Sinn und Form 39 (1987), S. 1147-1164. Johannes Cremeri-us: Arnold Zweig–Sigmund Freud. Das Schicksal einer agierten Übertragungsliebe. In : Psyche 27 (1973), S. 658-668

 

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