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Veränd. des Weltbildes
 
 
   

* Brief an Freud vom 18.3.1927

 

Dazu bewegt mich vielfältige Dankbarkeit. Erstens wäre ohne Ihr Denken, ohne Ihre prinzipiellen Einsichten und neuen Maximen (Wiedereinsetzung der Seele in die Psychologie), ohne Ihre schöpferische Methode des Philosophierens mein bescheidener Beitrag zur theoretischen Erkenntnis nie möglich gewesen. Zweitens schuldet Ihnen der Antisemitismus, den Sie in allen Spielarten erlebt haben müssen, eine Reverenz. Und drittens verdanke ich ihrer neuen Seelenheilkunst persönlich die Wiederherstellung meiner gesamten Person, die Entdeckung, daß ich an einer Neurose litt, sowie schließlich die Heilung dieser Neurose durch Ihre Methode und auf ihren Wegen. Druckvorlage und Erstdruck: Sigmund Freud, Arnold Zweig: Briefwechsel. Hg. von Ernst L. Freud. Frankfurt am Main: Fischer 1968, S. 9. Im folgenden wird nach dieser Ausgabe zitiert: Briefwechsel, Seitenzahl. .

 

Druckvorlage und Erstdruck: Sigmund Freud, Arnold Zweig: Briefwechsel. Hg. von Ernst L. Freud. Frankfurt am Main: Fischer 1968, S. 9. Im folgenden wird nach dieser Ausgabe zitiert: Briefwechsel, Seitenzahl.

 

*Brief an Freud vom 5.3.1929

Ich weiß nicht, ob ich Ihnen schon anläßlich „Calibans“ (Anm.: Zweigs „Caliban oder Politik und Leidenschaft“) geschrieben habe, daß ich ohne die Analyse nie den Zugang zu meinen eigensten Produktionskräften wiederbekommen hätte und daß Ihre großen Entdeckungen und Methoden mich zu dem gemacht haben, was ich heute bin.

 

Druckvorlage und Erstdruck: Briefwechsel, S. 17.

 

*Brief an Freud vom 16.9.1930

 

Sie werden wohl wissen, daß Sie es sind, der der Wiener Literatur das Lebenslicht ausgeblasen hat. Sie waren gerechtfertigt durch Ihre Seelenkenntnis und sprachbildende Spielfreude. Sie haben gezeigt, daß die menschliche Seele sozusagen sieben Stockwerke hat und daß die Wiener Schriftsteller nur die Farben ihres Daches hübsch beschrieben haben; aber unvergleichlich schärfer, genauer und anschaulicher als irgendeiner, selbst als Arthur Schnitzler, den ich als Menschen und als Schriftsteller gern gelten lasse und warm ansehe, haben Sie ausgedrückt, was sich der Kenntnis bisher entzogen hatte. Andere werden sich, fürchte ich, dem geistigen Gehalt der Analyse gegenüber genauso wehrlos befinden, ihrem Umfang, ihrer Tatsachenfülle und ihrer aufschließenden Kraft, wie vor dem geistigen Phänomen Nietzsche.

 

Druckvorlage und Erstdruck: Briefwechsel, S. 29.

 

* Brief an Freud vom 2.12.1930

 

Ich sehe nämlich die Sache so, daß Sie alles getan haben, was Nietzsche intuitiv als Aufgabe empfand, ohne doch imstande zu sein, es mit seinem von genialen Inspirationen durchleuchteten Dichteridealismus auch wirklich zu erreichen. Er versuchte, die Geburt der Tragödie zu gestalten, Sie haben es in Totem und Tabu getan, er ersehnte ein Jenseits von Gut und Böse, Sie haben durch die Analyse ein Reich aufgedeckt, auf das zunächst einmal dieser Satz paßt. Die Analyse hat sich alle Werte umgewertet, sie hat das Christentum überwunden, sie hat den wahren Antichrist gestaltet und den Genius des aufsteigenden Lebens vom asketischen Ideal befreit.

 

Druckvorlage und Erstdruck: Briefwechsel, S. 35.

 

* Brief an Freud vom11.12.1931

 

Ich bin eigentlich jeden Tag mit Ihren Dingen beschäftigt, meine Verbindung mit Ihnen bringt eine unabreißbare Zuwendung zu Ihnen mit sich.

 

Druckvorlage und Erstdruck: Briefwechsel, S. 43.

 

* Brief an Freud vom 8.1.1932

 

Sie wissen gar nicht, wie sehr ich gerade diese Zeit mit Ihnen verbunden bin. Ich habe meine Analyse wieder aufgenommen, um sie zu Ende zu führen – nicht bei Dr. K., der zu passiv ist und in Ihrer Welt noch nicht so ganz zu Hause, sondern bei Dr. S., mit dem mich mancherlei Oberschlesisches verbindet. Es geht fabelhaft vorwärts, in Widerstand und Auflösung, und hinter den einzelnen Stunden taucht wie ein mächtiges verschleiertes Standbild Ihre Gestalt und Ihr Gesicht auf, das jenes alten Juden, der die Verdrängungen einer Menschheitsepoche nicht gefürchtet hat.

 

Druckvorlage und Erstdruck: Briefwechsel, S.44.

 

* Brief an Freud vom 28.11.1932

 

Zudem, müssen Sie wissen, halte ich es für einen Skandal, daß man Ihnen den Nobel-Preis noch nicht zugesprochen hat.

 

 

Druckvorlage und Erstdruck: Briefwechsel, S. 46.

* Brief an Freud vom 11.12.1932

 

Sie aber haben die Eroberung des analytischen Denkens ganz allein besorgt; Sie haben den Eroberer des gesamten Gebiets mit dem Durchforscher und Kartographen vereinigt; Sie haben der Menschheit das Reich des Assoziativen wiedergegeben, indem Sie es dem Kausal-Logischen angliederten, ohne ihm sein Eigenleben zu nehmen, und indem Sie es zum Heilfaktor der erkrankten Seele umschufen. Das ist mehr als die Tat des Platon und seines Sokrates, und es muß auch so sein; denn in Ihnen verschmolz der Logos des Abenlandes mit dem uralten Wissensstrom des Morgenlandes zu jener Einheit, die die Analyse schuf und die eine langsame Enteisung der Menschheit vornehmen kann.

 

Druckvorlage und Erstdruck: Briefwechsel, S. 62f.

 

* Brief an Freud vom 30.12.1932

 

Mit jedem neuen Aufsatz, den ich kennenlerne, helfen Sie mir vorwärts und aufwärts aus den Wirren, die als Reste, wieder aktualisiert, mich bedrängen und verdunkeln, die mir die Freude an Leben, Arbeit und Erfolg nahmen, meine Haltung zu Frau und Kindern verzerrten und mich schlaflos machten, weil ich doch wußte, man könne an das Ungelöste in mir heran, mit Ihren Mitteln und Uhrem genialen Schritt für Schritt, ohne daß ich Zugang und die richtige Zauberformel wußte. Nach dem Lesen der „Metapsychologie des Traumes“ und von „Trauer und Melancholie“ wurde es hell in mir, ich träumte einen ausgezeichneten Traum und fühlte mich auf bestem Wege. Dabei hatte ich das Buch doch nur wegen „Massenpsychologie und Ich-Analyse“ mit hierhergenommen, der Neubearbeitung des Caliban wegen. Und zugleich haben Sie mir eine wissenschaftliche Hilfe gegeben, die mir bei der Beschreibung der Amentia ein Blitzlicht ansteckte: mein Held im nächsten Roman, dessen seelische Wandlungen seit einem Jahr festgelegt sind, macht einen Zustand durch, den ich völlig gestaltet in mir habe und den Sie mir helfen, wissenschaftlich zu verstehen.

 

Druckvorlage und Erstdruck: Briefwechsel, S. 64.

 

Sigmund Freud und Arnold Zweig, 1933

*Brief an Freud vom 21.1.1934

Ich habe in meinem Buch „Bilanz“ (Anm.: „Bilanz der deutschen Judenheit 1933“) beinahe an zu vielen Stellen von Ihnen geschrieben, abgesehen von einer Abhandlung, von, ich glaube acht oder zehn Seiten, in der ich in der Mitte und Höhe des Buches die Wichtigkeit der Analyse und die Bedeutung Ihrer Person zu skizzieren hatte. Sobald ich die Fahnen dieses Teils erhalten habe, schicke ich sie Ihnen. Man wird vielleicht fühlen, daß sie ein winziger Extrakt aus der Bewunderung, Dankbarkeit und Liebe sind, die ich und nicht nur ich für Sie hege.

 

 

Druckvorlage und Erstdruck: Briefwechsel, S. 68.

 

*Brief an Freud vom 10.2.1934

 

Ihr gesammeltes Werk stellt für mich die größte Erweiterung menschlicher Erkenntnis dar, die uns auf dem wichtigsten Gebiete zuteil geworden ist, nämlich auf dem unseres eigenen Geistes- und Seelenlebens. Sie wissen auch, daß ich der Meinung bin, Sie seien der Schlußpunkt der österreichischen Literatur, die immer als psychologische und schriftstellerisch meisterhafte Seelenzergliederung ihr Lebensrecht gehabt hat.

 

Druckvorlage und Erstdruck: Briefwechsel, S. 72f.

 

*Brief an Freud vom 6.6.1934

 

Ach, lieber Vater Freud, was für eine durcheinandre Kreatur ich jetzt bin, das möchte ich Ihnen mal malen! Und die Amnesie über „den Träumen meiner Jugend“ ist zäh und will nicht weichen. Aber wir werden es schon schaffen. Ihr Genius und der vorzügliche Dr. S. werden da schon Bresche legen.

 

 

Druckvorlage und Erstdruck: Briefwechsel, S. 92.

 

*Brief an Freud vom 22.4.1937

 

Sie glauben nicht, mit welchen Augen für Ihre Arbeiten ich Ihre Schriften lese. Sie sind ein Naturforscher, wie die Menschennatur überhaupt noch keinen gefunden hat. Was Sie einem Fall, einer Bewegung der Seele, einer Hemmung, einem Traum oder einem Symptom ablesen, erinnert mich stets an den Fall des Apfels, den Newton gesehen hatte.

 

 

Druckvorlage und Erstdruck: Briefwechsel, S. 151.

 

* Brief an Freud vom 30.1.1938

 

Ihre Leistung wird ohnehin zur Unsterblichkeit des Wiener geistigen Lebens im 19. Und 20. Jahrhundert ausreichen.

 

Druckvorlage und Erstdruck: Briefwechsel, S. 164.

*Brief an Freud vom 4.6.1938

 

Dem Vater Freud:

Was ich war, bevor ich

Dir begegnet,

Steht in diesen Seiten

mannigfalt.

Welches Leben war wie

Deins gesegnet?

Welches Wissen hat wie

Deins Gewalt?

 

Druckvorlage und Erstdruck: Briefwechsel, S. 169.

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