Einleitung
Darstellung
Wiener Moderne
Schriftstellerinnen
Boheme/Expressionismus/Dada
Klassiker der Moderne
Literaturhinweise
 
Home
Login/Logout
Kontakt
Neuigkeiten
Impressum
Sitemap
Newsletter
Forum
 
  SUCHE   
Briefe
 
 
   

Seite 2

Zweiter Brief aus Wien

Das Buch von Le Bon, „La psychologie des foules“, ist seit einer Reihe von Jahren berühmt. In der letzten Zeit haben sich eine Reihe von englischen Gelehrten mit dem gleichen Thema beschäftigt, und es ist kein Zweifel, daß der Krieg sie dazu getrieben hat. Denn in ihm hat der Begriff der organisierten Masse in einer unerhörten und völlig sinnfälligen Weise über den des Individuums triumphiert, den wir seit der Renaissance als den Drehpunkt unseres europäischen Denkens anzusehen oder stillschweigend immer vorauszusetzen gewohnt waren. Es ist also nichts natürlicher, als daß, als Reflex eines neuen Fühlbarwerdens der Problematik dieser Dinge, Untersuchungen entstehen mußten wie Mc Dougalls „The Group Mind“ oder Trotters „Instincts of the Herd in Peace and War“, das in London im zweiten oder dritten Kriegsjahr erschienen ist. Die Analyse der Werke dieser Vorgänger ist das, womit Dr. Freud sein neues Werk beginnt; er läßt ihnen allen Gerechtigkeit widerfahren und äußert eine besonders große Achtung für die hohen deskriptiven Qualitäten des Le Bonschen Buches, das er in dieser Beziehung, der deskriptiven, unerreicht nennt. Dr. Freud zieht dann mit der Schärfe und Konzision, die ihm eignet, aus diesen Theorien den innersten Kern und findet ihn, trotz einer wechselnden Terminologie, in dem Begriff der Suggestion gegeben. Denn auch die Formel, womit Mc Dougall das Hauptphänomen der Massenbildung: das unbedingte Mitfortgerissenwerden der Individuen, erklärt - aus dem von ihm so genannten „principle of direct induction of emotion by way of the primitive sympathetic response“ - auch diese Formel kommt „um den Begriff der Nachahmung und der Ansteckung, also um den der Suggestion“ nicht herum. Somit scheinen alle dieser Interpretationen der Masse auf diesen einen Begriff, den der Suggestion, als auf ein nicht reduzierbares Urphänomen, eine Grundtatsache des menschlichen Seelenlebens hinzuführen. Hier nun setzt in Dr. Freuds Geist ein alter Widerstand ein, eine mehr als dreißigjährige Auflehnung dagegen, daß die Suggestion, mit der man alles erklären will, selbst der Erklärung entzogen sein soll. Die Blendlaterne, deren Licht so viele Phänomene durchdrang, sollte ihren Strahl hier von einem harten, festen und dunklen Begriff zurückgeschlagen finden? Und nun, nach einem „dreißigjährigen Fernhalten von dem Rätsel der Suggestion“, nach einer so langen entschlossenen Abstinenz von einem letzten Eindringen in die „Bedingungen, unter denen sich Beeinflussungen ohne zureichende logische Begründung herstellen“ - ergibt sich der Entschluß, auch zur Interpretation dieser

 

Seite 1

DRUCKVERSION



Psychoanalyse in der literarischen Moderne - Eine Dokumentation | e-mail: redaktion@psychoanalyse-literatur.de