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Einführung von Oliver Pfohlmann

Ein publizistischer Paukenschlag ohne Folgen

Die Rezeption der Psychoanalyse durch das literarische Wien begann denkbar früh. Alfred Freiherr von Berger, als Professor für Ästhetik an der Universität Wien ein von Hofmannsthal bewunderter Lehrer, begrüßte bereits am 2. Februar 1896 das Erscheinen der unter dem Titel Studien über Hysterie gesammelten Fallgeschichten Josef Breuers und Sigmund Freuds in der Wiener Morgen-Presse mit den Worten: „Seltsames Zeichen der Zeit! Während unsere Poesie sich geflissentlich mit dem Anschein der wissenschaftlichen Strenge umgibt und sich mit Jodoform parfürmirt, erröthet die Wissenschaft, wenn sie sich darüber ertappt, daß sie unwillkürlich der Poesie nahegekommen ist. [...] Die ganze Theorie ist eigentlich ein Stück uralter Dichterpsychologie.“ Bedenkt man, wie sehr die Interessen der um den Kaffeehaustisch ihres Wortführers und Mentors Hermann Bahr gescharten Jung-Wiener Dichter mit denen des Nervenarztes Freud übereinstimmten, hätte Bergers Rezension der Auftakt für eine intensive Aneignung der neuartigen Hysterie-Lehre sein müssen, die den psychopathologischen Folgen von ins Unbewußte verdrängten Traumata die therapeutische Macht der Sprache entgegensetzte. Schließlich hatte Bahrs Schützling, der Gymnasiast Loris alias Hugo von Hofmannsthal längst zum „psychologische[n] Graswachsenhören“ aufgerufen und verkündet: „Heute scheinen zwei Dinge modern zu sein: [...] Man treibt Anatomie des eigenen Seelenlebens, oder man träumt“. (Frankfurter Zeitung, 9. August 1893)

Und der „Mann von Übermorgen“ selbst, Bahr also, hatte bereits zu Beginn der 1890er Jahre nach einer „neuen Psychologie“ in der Literatur verlangt, die ihr besonderes Augenmerk auf die möglichst unmittelbare Wiedergabe bewußter, mehr noch aber unbewußter psychischer Regungen in den fiktiven Seelen ihrer Protagonisten richten sollte. „Nicht um das Verstandesmäßige und das klare Gefühl, die in sichere und helle Worte faßlich sind, sondern um das jenseits des Verstandes und vor dem Gefühle, um die trüben und verworrenen Anfänge der Empfindung, um alle Seltsamkeit, die unter der Schwelle des Bewußtseins kauert und nur wie ein dumpfes Stöhnen aus dem letzten Schlunde der Natur, wohin der Geist nicht dringt, empfunden wird, darum handelt es sich: um eine neue Sprache, welche Nervenstände ausdrücken und mitteilen soll“. (Bahr 1891, S. 193f.) Josef Dvorak resümiert in seinem Aufsatz über die orts- und zeitbedingten Voraussetzungen von Freuds Werken und die Beziehungen zwischen Psychoanalyse und Jugendstil: „Selbstbespiegelung, Empfindsamkeit, Interesse an geistigen Erkrankungen, ‚anderen‘ Seelenzuständen, an Affekten und Trieben sind typisch für Wiens fin de siècle und die Anfänge des zwanzigsten Jahrhunderts. ‚Jung Wien‘ genoß es, sich dem Unbewußten, dem Schwelgen in rauschhaften Vatermord- und orgiastischen Inzestphantasien und einer synästhetisch verfeinerten Traumwelt hinzugeben.“ (Dvorak 1985, S. 427) Das Resümee von Michael Worbs, dessen Studie über die Entstehung der Psychoanalyse im Umfeld der Wiener Moderne noch immer grundlegend ist, lautet entsprechend: „Auf die Synthese von Naturalismus und Romantik, Positivismus und Psychologie, Leben und Traum lassen sich die Psychoanalyse Freuds wie die literarischen Texte der Wiener Jahrhundertwende gleichermaßen festlegen.“ (Worbs 1988, S. 8)

Um so erstaunlicher daher, daß nach dem publizistischen Paukenschlag Alfred von Bergers die Beziehung zwischen Freudscher Psychoanalyse und den Jung-Wiener Literaten zunächst in eine mehrjährige Latenzphase geriet. Zumindest gibt es, von einer, allerdings gewichtigen, Ausnahme abgesehen, keine Belege dafür, daß sich Autoren aus dem Umkreis Hermann Bahrs vor den Jahren 1902/1903 mit Freuds Theorien auseinandergesetzt hätten. Zwar studierte man die psychiatrischen Schriften ausländischer, vor allem französischer Kapazitäten wie Théodule Ribot, Pierre Janet, Jean Martin Charcot, Hippolyte Bernheim oder Morton Prince, befaßte sich, nicht selten aus persönlichem Anlaß, mit den Modekrankheiten der Epoche, Neurasthenie und Hysterie, zwar war man sich mit dem Physiker, Psychologen und Wissenschaftstheoretiker Ernst Mach darüber einig, daß das Ich „unrettbar“ geworden war, und debattierte in den Kaffeehäusern oder literarischen Salons über Phänomene wie Hypnose oder Traum. Den revolutionären Einsichten des Experten vor der eigenen Haustür aber schenkte man, nach allem, was man bislang über den Verlauf der hochnervösen kommunikativen Nervenstränge des „kreativen Milieus“ (Allan Janick) Wien um 1900 weiß, zunächst wenig Beachtung – auch wenn Hofmannsthal möglicherweise bereits in Alfred von Bergers Kolleg „Psychologie und Kunst“, das er im Wintersemester 1895/1896 besuchte, von den Studien über Hysterie erfahren haben mag, auch wenn mit dem Dichter Jakob Julius David zumindest eine Randfigur der Café Griensteidl-Szene bereits um die Jahrhundertwende mit Freud in persönlichem Kontakt stand und auch wenn Bahrs Freund Max Burckhard am 6. Januar 1900 eine sechsseitige Besprechung der Traumdeutung in der Wiener Wochenschrift Die Zeit plazierte. Der einzige, der bereits die Arbeiten des vor-analytischen Freud aufmerksam verfolgte, war Arthur Schnitzler: Der vom Analytiker später zum „Doppelgänger“ ernannte Arzt und Dichter studierte nicht nur wie vor ihm Freud bei den Wiener Medizin-Größen Ernst Brücke und Theodor Meynert und veröffentlichte 1889, also sechs Jahre vor Erscheinen der Studien über Hysterie, seine Dissertation Über funktionelle Aphonie und deren Behandlung durch Hypnose und Suggestion. Zwischen 1887 und 1894 publizierte Schnitzler auch regelmäßig in der von seinem Vater, dem Kehlkopfspezialisten Johann Schnitzler, herausgegebenen Internationalen klinischen Rundschau Besprechungen medizinischer Neuerscheinungen, darunter auch Werke der französischen Neurologen Charcot und Bernheim, Vertreter der seinerzeit avanciertesten Hysterie-Theorien. Stets würdigte Schnitzler dabei auch die Leistung des Übersetzers: „Uebersetzt ist das Buch von Freud, also ausgezeichnet.“ (6. Jg. 1892, Sp. 133) Es überrascht daher nicht, daß Schnitzler, wie sein Tagebuch belegt, zu den ganz wenigen gehörte, die Freuds Traumdeutung bereits im Jahr 1900, also unmittelbar nach ihrem Erscheinen, lasen – um von dieser Lektüre prompt zu intensiver Traumproduktion angeregt zu werden. (vgl. den Tagebuch-Eintrag vom 22. März 1900) Spätestens ab diesem Zeitpunkt verarbeiteten jedoch auch Schnitzlers literarische Texte wie etwa Leutnant Gustl (1901) psychoanalytisches Wissen.

Bahrs verspätete Entdeckung

Dennoch: Vom Sonderfall Schnitzler abgesehen bleibt festzuhalten, daß Freuds Einsichten und Theorien für die jungen Wiener Dichter erst nach 1902, dann freilich nachhaltig, virulent wurden. Ab 1901/1902 arbeitete Bahr in seinen Tage- und Skizzenbüchern unter dem Titel Credo (später Dialog vom Laster) an einer theoretischen Auseinandersetzung mit den Themen aristotelische Katharsislehre, Ekstase und Affekte, in deren Rahmen er am 14. März 1902 erstmals die Studien über Hysterie Freuds und Breuers erwähnt. (vgl. Bahr 1997, S. 101f.) Die Theorie von den verdrängten, „eingeklemmten“ Affekten und Triebregungen, die langfristig zur Hysterie führen, jedoch mittels einer kathartischen Erzähl-Kur „abreagiert“ werden können, wurde von Bahr zustimmend aufgegriffen; Teile seiner Überlegungen gehen in den Dialog vom Tragischen ein. Dieser Dialogessay von einem der führenden, jedenfalls prominentesten Literaturkritiker seiner Zeit, der zuerst 1903 in der renommierten Neuen Rundschau, ein Jahr später im Verlag Samuel Fischers in Buchform erschien, machte erstmals nachdrücklich auf das kulturtheoretische und ästhetische Potential der psychoanalytischen Hysterie-Lehre aufmerksam. Neben Otto Weiningers in kurzer Zeit zum Bestseller avancierenden genialischen Studie Geschlecht und Charakter, die ebenfalls 1903 erschien und sich, allerdings nur en passant, auf Freud berief, dürfte es vor allem Bahrs Dialog vom Tragischen gewesen sein, der die Popularisierung Freudschen Gedankenguts unter den Literaten und Intellektuellen in Gang gesetzt hat. So exzerpierte sich beispielsweise der junge Robert Musil, der zu dieser Zeit gerade sein Studium der Experimentalpsychologie in Berlin begonnen und als literarischer Nobody zu den Autoren der Wiener Moderne keinerlei persönlichen Kontakt hatte, 1904 aus dem Dialog neben Hauptgedanken Bahrs den psychoanalytischen Terminus der „Abreaktion“ in sein Tagebuch. (vgl. Musil 1976, Bd. 1, S. 37)

Näherliegend war freilich die Wirkung der Bahrschen Freud-Rezeption auf die Wiener Literaten selbst. Nicht nur Schnitzler las, wie sein Tagebuch belegt, erst 1903 die bereits acht Jahre zuvor erschienenen Studien über Hysterie, auch Hofmannsthal begann sich erst jetzt für die neue Lehre zu interessieren. 1902 oder 1903, eine genauere Datierung seines Briefes ist bislang nicht möglich, bittet Hofmannsthal Bahr, offenbar angeregt durch die Lektüre seines Förderers, ihm seine Ausgabe der Hysterie-Studien zu leihen: „Ich weiß, daß ich darin Dinge finden werde, die mich im ,Leben ein Traum‘ sehr fördern müssen.“ (Hofmannsthal 1937, S. 142) Breuers Fallgeschichte der Anna O. wurde dann, wie der Dichter selbst in einem Brief an Ernst Hladny bestätigte, zu einer für das Antikenstück Elektra, das von August bis September 1903 entstand und 1904 veröffentlicht wurde, entscheidenden Anregung. So leidet Hofmannsthals Protagonistin wie Breuers Patientin an traumatischen Erinnerungen und ist wie Anna O. in zwei Persönlichkeiten zerfallen, von denen sich die eine in einem hypnoiden Zustand befindet. Es ist die zeitgenössische Psychologie, die dem Theaterpublikum des frühen 20. Jahrhunderts das ursprünglich religiös-metaphysische Geschehen verständlich machen soll. (vgl. Worbs 1999) Aufmerksamen Zeitgenossen blieb nicht verborgen, wie sehr Hofmannsthals Stück an psychoanalytischem Wissen wie auch an Bahrs Dialog vom Tragischen partizipierte. Dies zeigt etwa die Rezension des Berliner Publizisten Maximilian Harden in seiner Zeitschrift Die Zukunft vom 27. August 1904 – zu diesem Zeitpunkt zog die Kunde von den beiden Wiener Nervenärzten also schon erste Kreise weit über die Kaffeehäuser und Salons der kakanischen Metropole hinaus.

Freuds „Zauberlehrlinge“ als Vermittler

 

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