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Briefe

An Theodor Reik

Sie haben insbesondere Beziehungswerthe in meinen Arbeiten gesehen, geschaut, erkannt, an denen die meisten Berufskritiker achtlos vorbeigegangen sind; und wo Sie innerhalb des Bewussten bleiben, gehe ich oft mit Ihnen. Über mein Unbewußtes, mein halb Bewußtes wollen wir lieber sagen -, weiß ich aber noch immer mehr als Sie, und nach dem Dunkel der Seele gehen mehr Wege, als die Psychoanalytiker sich träumen (und traumdeuten) lassen. Und gar oft führt ein Pfad noch mitten durch die erhellte Innenwelt, wo sie - und Sie - allzufrüh ins Schattenreich abbiegen zu müssen glauben. [...]

 

Druckvorlage: Vier unveröffentlichte Briefe Arthur Schnitzlers an den Psychoanalytiker Theodor Reik. Hg. Von Bernd Urban. In: Modern Austrian Literature 8 (1975), S. 236-247.

 

Sigmund Freud an Schnitzler

 

Verehrter Herr Doktor [...] Ich will Ihnen aber ein Geständnis ablegen welches Sie gütigst aus Rücksicht für mich für sich behalten mit keinem Freunde oder Fremden theilen wollen. Ich habe mich mit der Frage gequält, warum ich eigentlich in all diesen Jahren nie den Versuch gemacht habe Ihren Verkehr  aufzusuchen und ein Gespräch mit Ihnen zu führen [...].

Die Antwort auf die Frage enthält das mir zu intim erscheinende Geständnis. Ich meine, Ich habe Sie gemieden aus einer Art von Doppelgängerscheu. Nicht etwa, daß ich sonst so leicht geneigt wäre, mich mit einem anderen zu identifizieren oder daß ich mich über die Distanz der Begabung hinwegsetzen wollte, die mich von Ihnen trennt, sondern ich habe immer wieder, wenn ich mich in ihren schönen Schöpfungen vertiefe, hinter deren poetischem Schein die nämlichen Voraussetzungen Interessen und Ergebnisse zu finden geglaubt die mir als die eigenen bekannt waren. [...], das alles berührte mich mit einer unheimlichen Vertrautheit. [...] So habe ich den Eindruck gewonnen, daß Sie durch Intuition - eigentlich aber in Folge feiner Selbstwahrnehmung - alles das wissen, was ich in mühseliger Arbeit an anderen Menschen aufgedeckt habe. [...]  

 

Druckvorlage: Sigmund Freud: Briefe an Arthur Schnitzler. Hg. von Heinrich Schnitzler. In: Die Neue Rundschau 66 (1955), S. 95 - 106.

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