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Max Brod

Max Brod

Rezension zu Theodor Reik: „Flaubert und seine Versuchung des hl. Antonius“, 22. Dezember 1912

 

Dr. Theodor Reik: „Flaubert und seine Versuchung des hl. Antonius.“ Ein Beitrag zur Künstlerpsychologie von Dr. Theodor Reik mit einer Vorrede von Alfred Kerr. (Verlag J. C. C. Bruns, München.)

Die psychoanalytische Theorie Prof. Siegmund Freuds, auf der die Untersuchung Reiks durchaus beruht, kann an dieser Stelle nicht einmal andeutungsweise dargestellt werden. Einer der Mittelpunkte dieser neuen Lehre, durch die (ein Unikum) eine ganze vorher nicht bestehende Wissenschaft gleichsam aus dem Boden gestampft wurde, ist die geniale Beobachtung der im kindlichen Alter empfangenen (infantilen) Eindrücke und ihrer Wichtigkeit für das ganze spätere Seelenleben. Diese Eindrücke gehören zumeist einer von Freud aufgedeckten Sphäre kindlicher Sexualität an, sie werden später „verdrängt“, wirken aber gerade als Unbewußtes in der intensivsten Weise am Bau aller Seelengebilde mit. - Damit ist natürlich (nebst unzähligen andern Anregungen) eine neue Brücke zwischen der Biographie eines Dichters und seinem Werk gegeben. Besonders die Einstellung des Kindes gegen Vater und Mutter wirkt (nach Freud) entscheidend und es wurde bereits eine Anzahl von Dichterschicksalen durch Freud und seine Schüler daraufhin mit den neuen Mitteln durchanalysiert. - Das seltsame Verhältnis Flauberts zu seiner Mutter, dazu die Rätselhaftigkeit, ja Einzigartigkeit seines Lebens und Schaffens, mußte dazu reizen, die psychoanalytische Methode auch auf ihn auszudehnen. Reik unternimmt dies auf Grund einer umfassenden Kenntnis des vorliegenden biographischen Materials und mit ungewöhnlicher Hingabe an den Gegenstand. Und wäre auch nichts weiter durch dieses Buch gewonnen als eine neue Gruppierung vieler Brief- und Tagebuchstellen, die dadurch in verwandeltem Licht erscheinen und manche wenig beachtete Äußerung aus sich hervorpressen, so wäre dem Autor schon herzlicher Dank geschuldet. Doch bei dieser skeptischen Einschränkung bleibe ich nicht stehn, ich gebe gern zu, daß Reik über manches Problem in der Psyche Flauberts Aufklärung nicht nur in dieser allgemeinen Richtung, sondern sogar auch in der besondern Verknüpfung der von ihm hervorgehobenen erotischen Motivation bringt. - Nur bezweifle ich, daß diese Motivation bis zu den tiefsten Quellen des Kunstwillens vordringt. Flauberts ästhetische Theorien von der Reinheit der Kunst und von der Vollkommenheit werden von Reik allzusehr als subjektive Erfindungen Flauberts, die nur aus seinen besondern Lebensgewohnheiten ableitbar sind, angesehn. Als ob diese Theorien nicht auch objektive Geltung hätten und von jedem echten Künstler ganz abgesehn von Erziehung und Leben, einzusehn wären! Es scheint mir also, als ob Reik über das Ziel geschossen hätte,daß er auch das keiner Erklärung Bedürftige (z. B. die Ansicht Flauberts, daß der Künstler nur zu seiner eigenen Lust arbeiten dürfe) recht künstlich zu erklären trachtet. Von solchen Übertreibungen, die das Freudsche Prinzip durchaus sexuell färben und recht unkompliziert in jedem Detail wirksam sein lassen, ist in der ganzen Schule nur einer frei: - Freud selbst.

Erstdruck und Druckvorlage: Prager Tagblatt 37, Nr. 353 (22.12.1912), Morgenausgabe, Unterhaltungsbeilage Nr. 50, ohne Seitennumerierung.

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