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15. Oktober 2008 17:20

Dokumentation der Tagung "Sigmund Freud und das Wissen der Literatur" (2006)

erscheint im November 2008


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Thomas Mann bescheinigte der Psychoanalyse 1929 in seiner ersten großen Rede über Sigmund Freud die Bedeutung einer "Weltbewegung", von der "alle möglichen Gebiete des Geistes und der Wissenschaft sich ergriffen zeigten". Die Psychoanalyse sei "einer der wichtigsten Bausteine, die beigetragen worden sind zum Fundament der Zukunft, der Wohnung einer befreiten und wissenden Menschheit." Solche Lobreden auf Freud und die Psychoanalyse finden sich bei Schriftstellerinnen und Schriftstellern des 20. Jahrhunderts zuhauf. Als 1930 in Frankfurt hinter den Kulissen heftig darum gestritten wurde, wer den Goethe-Preis erhalten sollte, war es vor allem den Repräsentanten der literarischen Moderne, namentlich Alfred Döblin, zu verdanken, dass Freud die Auszeichnung bekam. Zur gleichen Zeit unterzeichneten dreißig Schriftsteller einen Antrag auf Verleihung des Nobelpreises an Freud, unter ihnen Lou Andreas-Salomé, Alfred Döblin, Iwan Goll, Walter Hasenclever, Hermann Hesse, Georg Kaiser, Thomas Mann, Walter Mehring, Romain Rolland, Ernst Toller, Ernst Weiss, Franz Werfel, Virginia Woolf, Paul Zech und Arnold Zweig.

Auch unter den Autoren der Moderne war die Psychoanalyse jedoch höchst umstritten. Das bekannte Bonmot von Karl Kraus, die Psychoanalyse sei jene Geisteskrankheit, für deren Therapie sie sich halte, ist keine Einzelfall. Es gab allerdings kaum einen bedeutenden Autor der literarischen Moderne, der sich nicht mit der Psychoanalyse auseinander gesetzt hat. Die literarische Moderne zeigte sich an der Psychoanalyse interessiert, seit es diese gab, zuerst in Wien, spätestens seit 1910 in allen anderen deutschsprachigen Zentren des literarischen Lebens, seit den zwanziger Jahren in ganz Europa und in den USA. Viele Autoren der Moderne waren durch ihre psychologische, medizinische oder psychiatrische Ausbildung für die Rezeption der Psychoanalyse geradezu prädestiniert: Robert Musil, Alfred Döblin (der sich selbst zeitweilig als einen "Psychoanalytiker" bezeichnete) und vor allem Arthur Schnitzler. Andere kamen als Patienten mit der Psychoanalyse in engste Berührung: Hugo von Hofmannsthal, Hermann Hesse, Arnold Zweig, Hermann Broch oder Robert Musil.

Auf einer umfassenden bibliographischen und dokumentarischen Materialbasis wird hier eine erste systematische Darstellung und Dokumentation der Psychoanalyserezeption in der deutschsprachigen Literatur zwischen ca. 1900 und 1939 erstellt und aus Anlass von Sigmund Freuds 150. Geburtstag im Mai 2006 veröffentlicht. 

Deutlich werden kann dabei: Die Literaturgeschichte des 20. Jahrhunderts ist ohne die Rezeptionsgeschichte der Psychoanalyse nicht angemessen zu begreifen - so wie umgekehrt die Psychoanalyse nicht ohne ihre Auseinandersetzung mit Literatur. Kooperierend und konkurrierend reagierten Psychoanalyse und literarische Moderne gleichzeitig und in wechselseitiger Abhängigkeit auf gravierende Identitätsprobleme des modernen Subjekts angesichts zunehmend diskrepanter, schwer zu integrierender Ansprüche in ausdifferenzierten Gesellschaften.

DRUCKVERSION



Psychoanalyse in der literarischen Moderne - Eine Dokumentation | e-mail: redaktion@psychoanalyse-literatur.de